Liebe Leserin, lieber Leser
Kürzlich kam ein älterer Herr zu mir ins Büro. Aufmerksamen hatte er zuvor meiner Predigt zugehört. Ich habe den biblischen Text in der neuen Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“ vorgelesen. Gespannt wäre er gewesen – und wurde dann etwas enttäuscht. Denn was Luther noch mit „ von Gott gezeugt“ übersetzt hat, liest sich in der neuen Übersetzung so: „Alle, die lieben, sind von Gott geboren“ (1. Joh. 4,7). Während bei Luther ein männliches Gottesbild impliziert wird, weist das ‚ geboren werden‘ auf ein weibliches Gottesbild. Das fand dieser Herr nicht wirklich gerecht, was ich verstehen konnte, obwohl das zugrunde liegende griechische Wort beide Möglichkeiten offen lässt.
Indem die „Bibel in gerechter Sprache“ aber auch weibliche Gottesbilder aufnimmt, will sie Gott gerade nicht festlegen, sondern durch sprachliche Vielfalt uns in Erinnerung rufen, dass das göttliche Geheimnis viel tiefer reicht als unsere sprachlichen Kategorien. Das Problem ist nämlich, dass der Eigenname Gottes, der wegen seiner Heiligkeit von den Juden und Jüdinnen nicht ausgesprochen wird, mit ‚adonaj‘, mein Herr, ersetzt wird. Dieser Ausdruck wird exklusiv gebraucht, um Gott anzureden und ist eine Anrufung allein Gottes. In den deutschen Übersetzungen, in denen Gott mit „Herr“ wiedergegeben wird, geht diese Unterscheidung leider verloren. Und deswegen wird der Eigenname Gottes in dieser neuen Übersetzung mal als ‚ha-Schem‘ (der Name), die Lebendige, der Ewige oder die Heilige übersetzt. Ich glaube, Gott freut sich darüber, nicht mehr nur als ‚Herr‘ bezeichnet zu werden.
Ihre Pfarrerin Verena Mühlethaler